Behinderung und Entwicklungs­zusammen­arbeit e.V.

Abdul Qahir aus Afghanistan

Hallo Abdul Qahir! Wo kommst du her? Und wo lebst du? 

Ich wurde in Kabul in Afghanistan geboren und lebe seitdem dort. 

Welche Art von Beeinträchtigung hast du? 

 Ich bin unterhalb meiner beiden Knie amputiert.

Wann hast du das erste Mal festgestellt, dass es Hindernisse in deinem täglichen Leben gab? Und wie wirkten sich diese auf dein Leben aus? 

Ich war ein 7-jähriges Kind, als ich meine beiden Beine durch eine Bombe verlor. Dieses Ereignis führte nicht nur zu einer körperlichen Beeinträchtigung, sondern zerstörte vor allem meine Gefühle, meine Leidenschaft und meine Lebensbegeisterung. Ich befand mich in einer verzweifelten Situation, da es für mich scheinbar keine Hoffnung mehr im Leben gab. Ich hatte zwei Beine und beide wurden mir genommen. Ich wurde eines sehr wesentlichen und wichtigen Bestandteils meines Körpers beraubt.  Mein Problem blieb nicht nur das meinige. Ich wurde schlecht gemacht und stigmatisiert durch das Verhalten meiner Mitmenschen in meiner Gemeinde. Ich fühlte mich isoliert und wusste nicht, was ich noch tun konnte, um ein "normales" Leben in dieser Gemeinschaft neu zu beginnen.  Die Leute begannen mich als einen unnützen und ineffektiven Teil der Gesellschaft zu sehen - sie sahen mich als eine Belastung für die ganze Gemeinschaft. Im Kreise meiner eigenen Verwandtschaft, guten Freunden und Nachbarn wurde über meine Behinderung und Untauglichkeit gesprochen, was meine Verzweiflung und Schwierigkeiten noch vergrößerte. Qahir hat unter anderem auch als Fahrradkurier gearbeitet.

Wie war deine Kindheit bis du in die Schule kamst? 

Ich war ein normales, aber doch auch ein besonderes Kind, das von einer sinnvollen Arbeit träumte. Diese Arbeit sollte nicht nur mein eigenes Leben verbessern, nein, ich wollte auch einen Beitrag zur Verbesserung und Entwicklung meiner eigenen Gemeinde und meines Landes leisten. Ich träumte davon, studieren zu gehen und mit meiner Arbeit einen positiven Wandel für mein Leben und das Leben der anderen zu erreichen.  Doch dann ereignete sich die Tragödie: Als ich Essen für meine Familie holte, trat ich auf eine Landmine. Dieses Ereignis zerstörte alle meine Träume und katapultierte mich an den Rand der Gemeinde, ohne Teilhabe an der Gesellschaft. 

War es für dich möglich, eine Schule zu besuchen?  

Ich war als ein regulärer Schüler zugelassen und hatte großes Interesse am Unterricht, den ich bis zur vierten Klasse besuchte. Aber seit meiner Amputation war es mir aufgrund meiner Unbeweglichkeit nicht möglich am Unterricht teilzunehmen. Ich konnte nicht selbstständig von zu Hause zu der Schule gelangen. Aber trotz allem nahm ich an ein paar Schreib- und Rechenkursen teil, die von der "Afghan Amputee Bicyclists for Rehabilitation and Recreation" (AABRAR) organisiert wurden.  

Hast du zurzeit eine Arbeit? Kannst du davon leben? 

Ja, ich habe eine Vollzeitstelle. Ich arbeite als Wachmann für ein paar Ausländer in Kabul. Ich kann frei arbeiten und verdiene einen angemessenen Lebensunterhalt für meine Familie. 

Erhältst du irgendwelche Unterstützung von anderen Personen oder dem Staat?  

Ich erhalte nur 14$ pro Monat von der afghanischen Regierung als Entschädigung für meine Amputation.

Als Radrennfahrer wird Qahir zu Rennen in Europa eingeladen


Bist du in kulturellen, politischen oder sportlichen Aktivitäten involviert? 

Ja, ich bin ein stetiges Mitglied des afghanischen Paralympic-Komitees (APC). Ich bin Radrennfahrer für das APC und habe an vielen nationalen und internationalen Spielen teilgenommen, wie z.B. in Athen oder in Frankfurt am "Cycling for Peace Competition". Außerdem nehme ich immer als Fahrer an den Fahrrad- und Rollstuhlrennen teil, welche jedes Jahr am 3. Dezember (Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung) von der "Afghan Amputee Bicyclist for Rehabilitation And Reintegration" (AABRAR) organisiert werden.  

Was sind die größten Herausforderungen, denen Menschen mit einer Behinderung in Afghanistan begegnen? 

In Afghanistan begegnen Menschen mit einer Behinderung vielen Schwierigkeiten. Sie haben keine Möglichkeit, Schulter an Schulter mit Menschen ohne Behinderung zusammenzuarbeiten. Sie werden in Isolation gehalten und haben nicht die Möglichkeit, ihre Arbeit frei zu wählen. Menschen mit einer körperlichen Behinderung haben zu vielen Gebäuden keinen barriere freien Zugang.

Was muss verändert werden, um die Situation der Menschen mit einer Behinderung in deinem Land zu verbessern?  

Die Menschen in Afghanistan müssen über die Rechte für Menschen mit Behinderung in dieser Gesellschaft aufgeklärt werden. Ihnen muss gezeigt werden, wie man Menschen mit einer Behinderung achtet und wie man sie richtig unterstützt. Es sollten Programme für Menschen mit einer Behinderung geschaffen werden, welche diese in die Lage versetzt, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Menschen mit Behinderung sollten durch ihre Arbeit wirtschaftlich unabhängig sein, sodass ihre Behinderung keine Rolle spielt. Die Wege zu Schulen, Märkten, öffentlichen Parkanlagen, Moscheen, Krankenhäusern, Gesundheitszentren und anderen wichtigen staatlichen Stellen müssen barriere frei sein.