Behinderung und Entwicklungs­zusammen­arbeit e.V.

Saowalak aus Thailand

Hallo Saowalak! Wo kommst du her? Und wo lebst du? 

Hallo, meine Heimatstadt heißt Pichit Province, sie liegt ganz im Norden von Thailand, fast 500 km entfernt von Bangkok. Seit kurzem arbeite ich als Regional Development Officer bei „Disabled Peoples’ International Asia Pacific” (DPIAP) in Bangkok.

Welche Beeinträchtigung hast du? 

Ich habe eine Wirbelsäulenverletzung, deswegen sitze ich in einem Rollstuhl.

Wann hast du das erste Mal festgestellt, dass es Hindernisse in deinem täglichen Leben gab? Und wie wirkten sich diese auf dein Leben aus? 

Ich wurde nicht mit einer Behinderung geboren, ich hatte einen Autounfall. Vor diesem verhängnisvollen Tag im Dezember 1993, habe ich als Angestellte in einer Bank gearbeitet und war glücklich verlobt. Als der Unfall geschah, waren mein Verlobter und ich gerade auf dem Weg in unsere Heimatstadt, die 470 km entfernt liegt von Bangkok. Wir fuhren dorthin, um unsere Hochzeit vorzubereiten. Ich erlitt eine sehr schwere Wirbelsäulenverletzung, die mich zur Rollstuhlfahrerin machte. Mein Verlobter war unverletzt und begann ein neues Leben – er löste die Verlobung und begann eine neue Beziehung mit meiner Freundin.  Während ich krampfhaft versuchte, mein Leben wieder aufzunehmen, bemerkte ich, dass das Leben mit einer Behinderung eine ganz andere Welt ist als die der Nichtbehinderten. Als ich verletzt wurde, musste ich automatisch meinen Beruf aufgeben. Drei Jahre lang lebte ich getrennt von meiner Familie zusammen mit einem Pfleger, um medizinische Rehabilitationsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.  Dann bekam ich einen Job in einem örtlichen Hotel in meiner Heimatstadt. Überraschenderweise schauten alle Angestellten des Hotels auf mich herab. Sie streuten Gerüchte bei meinem Chef, erzählten ich sei nicht produktiv und würde mich nicht benehmen wie eine Leiterin der Buchhaltung. Ich war tief bestürzt über diese schlechte Arbeitsatmosphäre. Im Job hatte ich ja meine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Dennoch musste ich ihn aufgeben wegen Barrieren, die mir täglich begegneten und die ich überwinden musste. Danach beschloss ich ins Familienunternehmen mit einzusteigen und hoffte, dass ich endlich meinen Platz, meine Nische finden würde. Ich blieb zu Hause und unterstützte meine Schwägerin in ihrem Bäckerei-Unternehmen. Alles ging gut, bis eines Tages unsere Kunden ihre Freunde dazu ermunterten, unser Brot zu kaufen, weil es von einer Frau mit einer Behinderung gemacht wurde. Das Brot war schnell ausverkauft, aber aus dem falschen Grund – nicht weil es so gut schmeckte. Dieser Vorfall ließ mich zweifeln über mein Dasein als Mensch, als Person. Wie kann es sein, dass meine Behinderung damit etwas zu tun hat? Was geht hier vor? Und dann entschied ich mich dafür, diesen Arbeitsbereich zu verlassen.  Ich beschloss, Englisch an der „Redemptorist Vocational School for Persons with Disability“ zu studieren. In dieser Schule lernte ich zum ersten Mal eine andere Sicht auf Behinderung, weil ich dort einen Schlafraum mit Studierenden mit anderen körperlichen Behinderungen teilte. Ich begriff, dass eine behindernde Umwelt und negative Einstellungen der Grund dafür waren, dass ich kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft war. Seitdem arbeite ich leidenschaftlich in der Bewegung für Menschen mit Behinderung.  Ich glaube an den „menschlichen Geist“ und dass jeder Alles erreichen kann.

Wie war deine Kindheit bis du in die Schule kamst? 

 Ich ging zu einer regulären Schule und verbrachte meine Kindheit so wie andere Kinder, weil ich noch keine Behinderung hatte.

Erhältst du irgendwelche Unterstützung von anderen Personen oder dem Staat? 

Nur ein wenig, ich kann von meinem Gehalt leben und verbringe mein Leben so wie Menschen ohne eine Behinderung. Ich bekomme eine Krankenversicherung vom Staat.

Disabled Peoples’ International Asia Pacific ist das Regionalbüro von Disabled Peoples’ International (DPI).

Was sind die größten Herausforderungen, denen Menschen mit einer Behinderung in deinem Land begegnen? 

 In Thailand leben ungefähr 1,9 Millionen Menschen mit Behinderung, 41 % davon sind weiblich und 58 % männlich. Offiziell haben 2,9 % der thailändischen Bevölkerung eine Behinderung. Die meisten von ihnen leben in ländlichen Gebieten. Frauen mit einer Behinderung begegnen Diskriminierung, Verstößen gegen die Menschenrechte, Gewalt und Marginalisierung bei der Beschäftigung, Gesundheit, Bildung und politischen Einstellungen. Die größte Herausforderung ist, dass immer noch wenige Stimmen von Frauen mit Behinderung gehört werden. Frauen und Mädchen mit Behinderung werden doppelt benachteiligt und stehen oft am Rand der Gesellschaft. Sie werden auch im Kampf für die Rechte von Menschen mit Behinderung benachteiligt, weil die Behindertenbewegung die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen nicht immer berücksichtigt.

Was muss verändert werden, um die Situation der Menschen mit einer Behinderung in Thailand zu verbessern? 

Die Regierung muss alle entsprechenden Maßnahmen ergreifen, damit Menschen mit Behinderung befähigt werden, ihre Rechte einzufordern. Das heißt, dass sie alle Menschenrechte und Freiheiten wahrnehmen können, welche in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung genannt werden. Es muss ausreichend finanzielle Unterstützung bereitgestellt werden, um Frauen mit Behinderung zu stärken. Und es müssen mehr Frauen mit Behinderung politische Macht erhalten. Die UN-Konvention muss zusammen mit anderen Menschenrechten umgesetzt werden. Hierfür sollten einerseits Menschen mit Behinderung gezielt gefördert werden, andererseits muss das Thema Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen eingebracht werden. Denn Behinderung hat keine Grenzen.